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Leipzig in Zeiten von Corona

Auf dem Weg zurück von Hannover, nachdem wir dort unseren Bus Bulliver kennengelernt hatten, bogen wir nach Leipzig ab. Ich hatte noch die Seite über die Stadt aus meinem Deutschlehrbuch vor Augen und wollte gern einige Stunden in der Stadt von Bach verbringen und meine Vorstellung mit dem tatsächlichen Straßenbild vergleichen.
Hier und da sah ich im Zentrum Erinnerungen an die sozialistische Vergangenheit, z.B. diese Haltestelle:

Die Stadt war zu belebt für die Corona-Monate, in denen wir leben. Drei Demonstrationen – zwei gegen die Masken und eine gegen die, die keine Maske tragen, eine große Polizeipräsenz, zogen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Um die auch so scheuen 5-6 Touristen (2 davon wir) abzulenken.

Der Neubau der Universität, die zweitälteste Uni in Deutschland nach der in Heidelberg, ist beeindruckend:

Die historische Nikolaikirche ist so anders. Hellgrüne Palmblätter schmücken die ungewöhnlich gestaltete Kirche. Sie war der Anfangspunkt der friedlichen Demonstrationen gegen den Kommunismus, die zu der Wiedervereinigung Deutschlands führten. „Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Blumen“ – erzählt die Miliz von damals.

Als ungewöhnlich und schwierig zu deuten gilt die Skulptur „Die unzeitgemäßen Zeitgenossen“. Sie zeigt die Figuren einer Pädagogikerin, eines Diagnostikers, einer Rationalisatikerin, eines Stadtgestalters und eines Kunsttheoretikers. Die Figuren sind alle nackt, stehen auf einem Balken und halten streng an ihren Prinzipien fest. Aufmerksamkeit auf sich ziehen vergoldete Details, wie z. B. die Säge, das Hörrohr, der Lorbeerkranz, Nase und Ohren.
Die Zahl, gemeißelt in das Denkmal, zeigt die Anzahl der Leute, die die Zerstörung der einzigen den Krieg überlebten gotischen Kirche in der Stadt unterstützten. Mit Regierungsentscheidung der DDR wurde sie im Jahr 1968 in die Luft gejagt, weil sie nicht zu dem zeitgenössischen sozialistischen Aussehen des Augustusplatzes passte.
Der Erschaffer der Skulptur, der Bildhauer Bernd Göbel provoziert zum Denken. Wie weitsichtig und wie hoch war die Weltanschauung der Gruppe von Leuten, die die Zerstörung unterstützt haben? Die Folgen von Unwissen sind unwiederbringlich.

Gedanken sind mit Reliefbuchstaben auf das Denkmal geteilt. Zum Beispiel:
„Selbstverständlich darf man einem Prinzip ein Leben opfern – doch nur das Eigene.“
“ Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“
„Zum Lichte des Verstandes können wir immer gelangen/ aber die Fülle des Herzens kann uns niemand geben.“
„Soll es ein anderer Mensch sein, oder eine andere Welt/ vielleicht nur andere Götter/ oder keine.“

Eine kleine antiquarische Buchhandlung zog meine Aufmerksamkeit vor der Abreise auf sich. Aus Familiengründen konnte die Henne Gackerline nicht erworben werden, schade. Mit drei sympathischen Bildern schaute ich mir den Laden durch geschlossenen Türen an.

Sonst hütet die Stadt wenig Distanz. In Bayern ist es strenger.

Leipzig verließen wir mit einer neuen gelben Petroleumlampe – zum Leuchten in der wilden Natur, wo wir in Ruhe nach dem Sinn sinnieren werden.

 

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